On Money– and the Stories We Tell About It (Deutsche Version)

Geld– und die Geschichten, die wir darüber erzählen 

Also, was ist Geld denn eigentlich?

Ich habe mich dazu entschieden diesen Artikel ins Deutsche zu übersetzen. Hier zur ursprünglichen englischen Version.

Es gab schon viele verschiedene Antworten auf diese Frage, und es gibt sie nach wie vor – das sagt an sich schon sehr viel aus, nicht wahr? Es gibt nicht ein richtiges Verständnis, oder eine einheitlich richtige Definition von Geld, denn Geld ist keine objektive Realität, kein konkretes Etwas, das unabhängig von der Menschheit existiert. Die Absicht dieses Artikels ist zu zeigen, dass wir die Kraft haben, Geld zu dem zu machen was wir wollen. Dass wir die kollektive Schöpfungskraft, in diesem Fall die Kraft der Geldschöpfung, auf eine Art und Weise einsetzen können die jedem dient. Ich probiere zu zeigen, dass wir momentan diese kollektive Kraft abgegeben haben und wir sehen jetzt (und haben schon in der Vergangenheit) die Konsequenzen davon auf unserem Planeten.

Es hat mich schon lange verwundert (und verwundert mich bis heute), dass dieses Ding (was auch immer es ist), dass wir Geld nennen, das in vielerlei Hinsicht die Welt zum Laufen bringt, von vielen Menschen nicht wirklich klar verstanden wird. Andererseits, wie könnten sie es auch verstehen? Es ist ja nicht so, als würde man es in der Schule, an der Universität oder irgendwo danach wirklich beigebracht bekommen.

Wenn die Leute das gegenwärtige Bank- und Geldsystem verstünden, würde es vermutlich eine Revolution noch vor morgen früh geben.

-Henry Ford (Gründer der Ford Motor Company), 1922

Also, fangen wir einfach an. Geld kann vieles sein, aber lass es uns in seiner grundlegendsten und doch abstraktesten Form betrachten: Geld ist eine soziale Konstruktion, eine soziokulturelle Technologie, eine Vereinbarung, ein kollektiver “Schein“ – kurz gesagt: Geld ist eine Geschichte. Ich werde mein bestes Verständnis dieser Geschichte anbieten. Zuerst die Grundlagen:

Wenn wir ökonomische Definitionen von Geld lesen, finden wir immer wieder die Funktionen des Geldes in drei Kategorien definiert:

  1. Eine Wertanlage. Etwas, das es jemandem erlaubt, Wert zu speichern.
  2. Ein Tauschmittel. Etwas, das es jemandem erlaubt, Wert auf abstrakte Weise zu       tauschen.
  3. Eine Rechnungseinheit. Etwas, das es jemandem erlaubt, den Wert zu messen, zu berechnen und eine Art von Buchhaltungssystem zu haben.

Das ist ja schon mal ziemlich einleuchtend.

Aber Geld ist viel mehr als die drei oben benannten Funktionen: Wertanlage, Tauschmittel und Rechnungseinheit, oder anders gesagt: Geld kann viel mehr sein als die genannten Funktionen. Und warum? Weil die einzige Autorität, die bestimmt, was Geld wirklich ist und welche Rolle es in unserem Leben spielt, unsere kollektive Vereinbarung darüber ist. Mit anderen Worten: die Geschichten, die wir über Geld erzählen. Mehr dazu später.

Wenden wir uns der Frage zu ‚was ist Geld heutzutage?‘ und der noch viel wichtigeren Frage: ‚wie wird es geschaffen… und von wem?

Geld ist heutzutage im Wesentlichen ein buchhalterischer Eintrag, ein Buchungssatz in den Computern einer Bank. Geld wird heutzutage tatsächlich, mit ein paar Knopfdrücken, aus dem Nichts geschöpft – es ist ziemlich nah an dem dran, was die meisten Menschen als Magie bezeichnen würden. Aber was bedeutet denn „buchhalterischer Eintrag“, „Buchungssatz“ und „aus dem Nichts geschöpft“?downtown-skyscrapers

Nehmen wir an, jemand geht zu einer Bank und will einen Kredit in der Höhe von 100,000€ aufnehmen. Die Person redet mit ein paar Bankangestellten (gehen wir davon aus das alle Kriterien erfüllt werden) und dann wird ein Kreditvertag unterschrieben. Die 100,000€ werden der Person auf ein Konto gutgeschrieben, allerdings muss das Geld beispielshalber in einem Jahr plus 5% Zinsen zurückgezahlt werden. Nach einem Jahr muss diese Person also der Bank 105,000€ zurückzahlen. Ziemlich einleuchtend, oder? Doch lass uns jetzt mal schauen wo das Geld (die 100,000€) herkommt. Die Antwort lautet, von nirgendswo. Die Bank hat das Geld nicht aus dem Konto eines anderen Sparers, einer anderen Bank oder einem versteckten Tresor genommen, die Bank hat das Geld einfach aus dem Nichts geschöpft – das ist schon ziemlich komisch, oder? Dieser Vorgang wird in seinem buchhalterischen Detail u.a. von Prof. Richard Werner beschrieben (Werner, R. 2014).

Wir spulen jetzt mal in unserem Beispielsfall vor. Ein Jahr ist vergangen und es ist Zeit zurückzuzahlen. Die Person konnte irgendwie etwas Geld verdienen (Glück, Können, ganz egal) und ist in der Lage die 105,000€ zurückzuzahlen. Die 100,000€, die aus dem Nichts geschaffen wurden verschwinden wieder, sie werden nullifiziert (es war ja nie mehr als ein Buchungssatz), doch die „neuen“, durch die Zinsen entstandenen, 5,000€ verschwinden nicht. Das ist der Profit der Bank. Miete zu fordern, das was oft als wirtschaftliche Rente bezeichnet wird, ist eine relativ neue Entwicklung (übrigens: Schulden sind viel älter als Geld, Geld ist höchstwahrscheinlich aus Schulden entstanden, nicht umgekehrt). Verschiedenen archäologischen Funden zufolge lassen sich die ersten Aufzeichnungen von verzinsztlichen Schulden etwa um 2.500 v. Chr. finden. In den meisten Kulturen galt (und gilt es bis heute) die Erhebung von Zinsen auf ein Darlehen als äußerst unhöflich, ja sogar als unmoralisch. Und bis in die späte römische Zeit war man sich darüber im Klaren, dass Schulden von Zeit zu Zeit erlassen werden müssen, um ein gewisses wirtschaftliches Gleichgewicht, eine soziale Gerechtigkeit, Stabilität (und vielleicht auch Frieden?) zu erhalten. Schuldenerlass war ganz normal (für weitere Informationen siehe „Schulden– die ersten 5000 Jahre“ von David Graeber oder „…and forgive them their debts–„ von Michael Hudson). Doch lass uns zu unserer heutigen Zeit und dem oben dargestellten Thema zurückkehren: Banken profitieren von ihrer Funktion die Quelle der Geldschöpfung zu sein und dieses zu verleihen.

Aber wieso? Es ist ja nicht so als hätte die Bank wirklich etwas verloren, wenn die Schulden nicht zurückgezahlt werden würden. Kollektiv tun wir alle so als würden die Banken wirklich etwas verlieren, wenn Schulden nicht zurückgezahlt werden und dieses Narrativ wird im politischen, regulatorischen, medialen und gesellschaftlichen Diskurs aufrechterhalten. Hier können wir langsam einen inhärenten Fehler unseres Banken- und Geldsystems sehen. Die Bank hat nämlich nichts Besonderes gemacht. Sie ist den meisten Fällen einfach ein privates, profit-orientiertes Unternehmen, dass es geschafft hat eine Banklizens zu erhalten, die es ihnen ermöglicht Geld in Form von Schuldscheinen aus dem Nichts zu schöpfen und damit auch noch Geld in Form von Zinsen zu verdienen. Dieses Geld hat verschiedene Namen: Buchgeld, Giralgeld, oder wie es momentan so oft genannt wird, Fiatgeld. „Fiat“ ist ein lateinisches Wort und bedeutet so viel wie „es geschehe“, wie es in der Schöpfungsgeschichte der Bibel so schön heißt „Und Gott sprach: Fiat Lux“ – es werde Licht. Diese göttliche Kraft ist durch mehrere Umwege in den Händen von Banken gelandet, nun heißt es „es werde Geld“. Ist es logisch, und sinnvoll, diese Kraft der Schöpfung und Verteilung von Geld in die Hände von privaten, profit-orientierten Institutionen zu legen?

Geld wird heutzutage also im Wesentlichen durch verzinste Schulden geschöpft – Schulden + Zinsen. Lass uns das doch mal kurz durchdenken: das Geld, dass eine Person (oder eine Nation) einer Bank schuldet ist immer mehr als das Geld, dass man eigentlich bekommen hat; und auf einer makroskopischen Ebene ist die Geldmenge die im Umlauf ist also immer weniger als die Menge an Schulden. Wieso? Wegen dem „+ Zinsen“ Teil der Formel. Es gibt immer mehr Schulden als tatsächliches Geld, was bedeutet, dass systemisch bedingt ständige und immer neue Anstrengungen unternommen werden müssen (systemischer Drive) irgendwie die Schulden zu begleichen um zu überleben. Oft bedeutet das neue Schulden aufzunehmen (auf einer Mikro- und Makroebene) – hier wird klar was an diesem System so irrsinnig ist.

Wie wollen wir diese potente sozio-kulturelle Technologie namens ‚Geld‘ einsetzen? Welche Geschichte wollen wir denn eigentlich erzählen? Dient uns die jetzige Geschichte? Ist das eine Geschichte, die uns hilft eine Zukunft auf diesem Planeten zu kreieren, die wir wirklich wollen?

 Die Tatsache, dass neues Geld gebraucht wird um die Schulden plus Zinsen zurückzuzahlen ist genau der Grund weshalb die Wirtschaft immer weiterwachsen muss. Die Geldmenge muss erhöht werden, mit der Hoffnung irgendwann die Schulden zu begleichen. Charles Eisenstein beschreibt diese sogenannte Wachstumsimperativ mit klaren Worten:

„Aufgrund der Zinsen ist zu jedem beliebigen Zeitpunkt die Menge des geschuldeten Geldes größer, als die Menge des tatsächlich vorhandenen Geldes. Um das neue Geld zu erzeugen, das nötig ist, damit das ganze System weiter funktioniert, müssen wir mehr Hühner züchten – mit anderen Worten: Wir müssen mehr ‚Waren und Dienstleistungen‘ schaffen. Meist geschieht das, indem man beginnt, etwas zu verkaufen, das vorher gratis war. Man verwandelt Wälder in Holz, Musik in ein Produkt, Ideen in geistiges Eigentum, gesellschaftliches Geben und Nehmen in bezahlte Dienstleistungen“

                                                                              –Eisenstein, C. 2008, Money: A New Beginning

Genau dieser Mechanismus treibt uns systemisch dazu an, über irgendeinen Weg, irgendeine Geschäftsidee, irgendein Mittel nachzudenken, um mehr Geld zu verdienen – um das Ganze am Laufen zu halten. Klar, einige dieser Wege kommen tatsächlich den Menschen zugute, einige dieser Mittel verbessern tatsächlich die allgemeine Lebensqualität und die Wertschätzung des Lebens für alle, aber wenn wir ehrlich sind, tun die meisten das nicht. Denken Sie nur an all die Dinge, die einst frei-zugänglich waren, die jedem innerhalb der Gruppe, der Kultur, der Gesellschaft, der Erde gehörten: Poesie, große Literatur, Musik, Kinderbetreuung, Wasser, Wälder, Tiere, Nahrung, überlebensnotwendige Grundressourcen. Charles Eisenstein zeigt sehr deutlich, dass all diese Dinge, durch den inhärenten Antrieb unseres gegenwärtigen Geldsystems, der Monetisierung unterliegen – durch die gegenwärtige Geschichte, die wir über Geld erzählen.

Was könnte Geld tatsächlich für uns tun, wie könnte es uns dienen? Warum wird Geld als Quelle des Bösen angesehen und nicht als Quelle des inhärenten Guten, als Kraft für positive Veränderungen und als Symbol für ein Leben in Fülle für alle? Es muss  nicht so sein, wie es heute ist. Erinnern wir uns an die ganz offensichtliche Tatsache, die am Anfang dieses Artikels erwähnt wurde: Geld ist eine soziokulturelle Technologie – Geld ist eine Geschichte.

  Die Geschichte liegt in unserer Hand. Lasst uns eine bessere erzählen.

 

Ich habe einen Spendeknopf (––> rechts irgendwo) und hier eingebaut, falls euch meine Arbeit gefällt und ihr micht unterstützen wollt, freue ich mich über eine kleine Spende. Ich kauf mir dann ein Kaffee davon oder so 🙂

sunrise-on-the-hills-above-los-angeles 

…wird fortgesetzt, erweitert und verfeinert.

Ohne die harte Arbeit und das meisterhafte Schreiben, Vortragen und Erklären vieler, die sich um einiges tiefer und lange vor mir in diesem Thema gewidmet haben, wäre ich nicht in der Lage, diesen Artikel zu schreiben oder das Wenige zu wissen, das ich jetzt weiß. Mir macht es spaß Neues dazuzulernen und ich finde große Freude daran, das dann in Form von verschiedenen Formaten zu teilen und sie gelegentlich in meine eigenen Worte zu fassen. Die Liste unten erwähnt nur die Spitze des Eisbergs.

Für ein tieferes Eintauchen in Form von Büchern und Artikeln:

  1. Debt: The First 5,000 Years (Book) – David Graeber
  2. …And Forgive Them Their Debts (Book) – Michael Hudson
  3. Sacred Economics – Money, the Gift, and Society in the Age of Transition (Book) – Charles Eisenstein
  4. A Lost Century in Economics – Three theories of banking and the conclusive evidence – Richard A. Werner
  5. Can Banks Individually Create Money Out of Nothing? — The theories and the empirical evidence – Richard A. Werner

  6. How do banks create money, and why can other firms not do the same? An explanation for the coexistence of lending and deposit-taking– Richard A. Werner
  7. Towards a New Research Programme on ‘Banking and the Economy’ – Richard A. Werner
  8. Money: A New Beginning (Essay), Part 1 – Charles Eisenstein
  9. Money: A New Beginning (Essay), Part 2 – Charles Eisenstein
  10. Sacred Economics: Money, the Gift, and Society in the Age of Transition (Essay) – Charles Eisenstein
  11. The Long Tradition of Debt-Cancellation in Mesopotamia and Egypt – Eric Toussain

Videos und Vorträge:

Benutze Bilder von:

  1. Cover Image: ‘Money Hides Face’ by Matthey Henry on Burst
  2. ‘Downtown Skyscrapers’ by Matthey Henry on Burst
  3. ‘Sunrise’ by Jose Silva on Burst

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